Freundschaftsspiel


Sie würden die Bank überfallen. Tausende Male hatten sie sich ausgemalt, wie das von statten gehen soll. Jetzt standen sie vor dieser kleinen Bankfiliale, es war früher Nachmittag, was bedeutete, dass hier nicht viel los sein konnte. Die meiste Kundschaft würde erst in gut zwei Stunden auftauchen. Soweit hatten sie ihre Sache vorbereitet, Kundschafter gespielt. Und nun, wo sie das Ding endlich durchziehen wollten, wurde es Robert flau im Magen. „Solls´ doch der Teufel holen!“, dachte er und ging hinein. Thomas folgte ihm und Christian wartete draußen im Wagen. Hinter der Tür ließen sie erst einmal den Blick durch den Raum schweifen. Nur eine Kundin war da, eine Rentnerin. Sollten sie erst warten und sich anstellen? Nein, bis dahin könnten noch andere Leute hereingekommen sein.
Kurz entschlossen ging Robert an den Kassenschalter, schob die Rentnerin einfach beiseite.
„Na hören Sie mal, was erlauben Sie sich?“, keifte diese. Er schaute sie an: Sein Blick ließ sie verstummen.
„Hallo schöne Frau. Winter steht auf ihrem Namensschild“, meinte er, während er einen Zettel auf den Tisch legte und eine Reisetasche dazustellte. Helga Winter wurde blass, sagte keinen Ton. Sie nahm den Zettel auf, der verkehrt herum dalag, drehte ihn um. Da stand in großen Druckbuchstaben, die so hingekritzelt waren, dass man sofort annehmen musste, er versuche, seine Handschrift zu verbergen: Ich schieße sofort, wenn Sie Alarm geben. Alles Geld in diese Tasche!
Robert sah Helga in die Augen und grinste. Er konnte ihr den Schock ansehen. Sie war regelrecht erstarrt.
„Na, was ist, hat Sie jemand festgeklebt?“
Er zog eine Pistole hervor und fuchtelte damit der Kassiererin vor der Nase herum.
Schnell hatte Helga die Tasche gepackt. Sie hob diese vom Tresorboden auf und wollte gleichzeitig den dort angebrachten Alarmknopf betätigen. In dem Moment peitschte ein Schuss durch die Luft. Die Kugel bohrte sich oberhalb der Tresortür in die Wand.
„Wenn sie das noch einmal versuchen, sind sie dran!“, schrie Thomas. Robert war erschrocken über das Geschehene. Er bekam seine Tasche wieder, hielt die Waffe auf Helga gerichtet. Sie schlotterte. Eigentlich tat sie ihm Leid, aber jetzt war es nicht mehr zu ändern. Die Rentnerin sah auch nicht viel besser aus, hoffentlich bekommt sie keinen Herzinfarkt.
Er hatte eine Idee. Die beiden Frauen waren so verängstigt, das sollte funktionieren.
Langsam ging er rückwärts zum Ausgang, die Waffe auf die Kassiererin gerichtet.
„Wenn sie innerhalb der nächsten fünf Minuten die Polizei verständigen, fliegt das Haus in die Luft! Ich habe einen Sender in der Hand, mit dem die Sprengladung aktiviert werden kann.“
Halb verdeckt, sodass man nicht viel sehen konnte, hielt er eine handelsübliche Fernbedienung zum Öffnen eines Pkw hoch, um seine Aussage zu unterstreichen.
Plötzlich ging alles sehr schnell. Vor der Bank hupte jemand. Dreimal kurz, einmal lang. Christian! Das ist das vereinbarte Signal, falls die Polizei auftauchen sollte. Thomas lief als Erster hinaus, als er das Zeichen hörte. Als Robert die Tür öffnete, fiel ein Schuss. Vor seinen Augen sackte ein Polizist zusammen und das Fluchtauto fuhr davon. Feine Freunde. Sie ließen ihn in diesem Durcheinander einfach zurück.

Zwei Stunden ließen sie Robert in einem kleinen Raum schmoren, bevor ein Kriminalkommissar bereit war, mit ihm zu reden. Robert wurde einen endlos langen Gang quer durch das ganze Präsidiumsgebäude geführt. Als er vor einer Tür ankam und die Beschriftung auf dem undurchsichtigen Glas las, konnte er es kaum fassen. Kriminalhauptkommissar Frank Martin. Er kannte diesen Bullen. Nur zu gut.
Als Robert ins Zimmer gestoßen wurde, sah Martin nicht einmal auf. Er kritzelte irgendetwas auf ein Papier. Diese Masche hatte Martin schon damals durchgezogen. Er kannte das schon und zwang sich, ruhig zu bleiben. Sicherlich wartet der Kommissar darauf, dass er als Erstes anfängt, zu reden. Aber diesmal nicht. Robert sah zu, wie sich Martin, der mittlerweile kurz vor der Pension stehen musste, ein Eukalyptusbonbon aus dem Schreibtisch angelte. Diese Macke hatte er also immer noch. Da Robert nicht mehr sinnlos herumstehen wollte, setzte er sich dem Kommissar gegenüber. Plötzlich brummte er: „Wieso du? Sagtest du damals nicht, du würdest nie wieder so etwas tun? Irgendwie hatte ich dir geglaubt. Und nun stehst du wieder vor mir.“

Einige Stunden später saß Robert in einem kleinen Café, nicht weit vom Polizeipräsidium entfernt. Warum er gehen durfte, wusste er auch nicht so genau. Irgendwann hatte der Kommissar zähneknirschend gemeint: „Ich muss dich wohl gehen lassen, mir bleibt keine andere Wahl. Wenigstens haben wir die Beute aus dem Raubzug sichergestellt.“
Damit war die Sache erledigt.
Der Kellner kam, mit ihm eine Tasse Kaffee. Genauso, wie er ihn mochte. Plötzlich fuhr ein Toyota an den Bordstein, sodass der Wagen direkt neben Robert stand. Jetzt erkannte er die Insassen: Thomas und Christian. Thomas sah Robert an, als würde er nie wieder gemütlich an einer Straße sitzen. Dann holte er eine Waffe heraus, ließ die Scheibe des Wagens herab und sagte: „Mach keine Sperenzchen, steig hinten ein!“
„Also Freunde, könnt ihr mich nicht erst einmal den Kaffee austrinken lassen?“
Das war das Einzige, was ihm in dieser Situation einfiel. Es nutzte nichts, Robert musste einsteigen. Kaum hatte er die Tür des Wagens geschlossen, als der Wagen ruckartig anfuhr und mit quietschenden Reifen davon schoss.

Die Fahrt dauerte etwa dreißig Minuten, wenn Robert richtig geschätzt hatte. Die Augen waren verbunden worden und so war es schwer auszumachen, wo man ihn hinkutschierte. Nach mehreren Kurven hatte es Robert aufgegeben herauszufinden, wo man ihn hinbrachte. Genauso gut hätten sie im Kreis fahren können. Doch irgendwann blieb das Auto stehen. Robert wurde am Arm gepackt und aus dem Wagen gezerrt. Dann ging es einen kurzen Weg entlang, durch eine Tür und sie standen in einem Haus. Nachdem auch noch einige Treppenstufen gemeistert waren, wurde endlich das Tuch von Roberts Augen genommen. Er war in einem Keller. Thomas packte ihn am linken Arm, Christian am rechten. Sie fingen an, ihn mit Klebeband zu fesseln.
„Hey, was soll das? Habt ihr vergessen, dass ich euer Kumpel bin?“
„Halts Maul“, brummte es zu seiner rechten. Thomas fragte ihn: „Wie kommt es, dass du so schnell wieder draußen bist? Und wo ist das Geld? Du bist bestimmt ein Polizeispitzel!“
„So ein Quatsch! Der Kommissar hat mich einfach laufen lassen. Das Geld hat er“, erwiderte Robert gepresst. Plötzlich hatte er Angst vor seinen eigenen Kollegen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Christian ging. Thomas zog seine Waffe aus dem Hosenbund.
„Jetzt möchte ich alles wissen, du Spitzel. Was hast du den Bullen verraten?“
Er sagte nichts. Vor Angst fingen die Knie an zu schlottern. Das nahm Thomas zum Anlass, mit der Waffe auf Roberts Knie zu zielen.
„Nicht! Bist du verrückt? Ich weiß doch nichts!“, wimmerte Robert.
In dem Moment krachte und schepperte etwas im hinteren Teil des Raumes. Thomas drehte sich um und erstarrte. Da stand ein Polizist und richtete seine Pistole auf ihn. „Fallen lassen!“
Thomas gehorchte.
Die drei Kumpane wurden abgeführt. Christian saß schon in dem Streifenwagen, als die beiden dazukamen.

 

Wieder war Robert im Büro des Kommissars. Diesmal saß er bequem auf dem Besucherstuhl, Martin gegenüber.
„Da hast du ja eine Menge Glück gehabt“, meinte der Kommissar.
„Ja, ich fragte mich schon, wie ihr mich gefunden habt.“
„Als dich die beiden gekidnappt hatten, konnte einer unserer Leute gerade so das Fahrzeug erkennen. Dann kam das schwierigste: Wir hatten alle Hände voll zu tun, dich zu überwachen. Bis wir dich verloren hatten. Doch nicht lange. Der Zufall wollte es, das der Wagen ungünstig im Hof dieses Anwesens geparkt war. Den Rest kennst du.“
„Sag mal Frank, wusstest du, dass ich verdeckt ermittle, als ich wegen dem Banküberfall verhaftet wurde? Schließlich hast du mich schon einmal verhaftet, als ich bei einer solchen Ermittlung in eine Schießerei geriet.“ „Ich habe es erst später erfahren, als ich die Anweisung erhielt, dich frei zu lassen und auf dich aufzupassen. Du hast eine Diebesbande ausgehoben und nebenbei noch den Mörder unseres Kollegen ausgeliefert. Doch mit dem Überfall, bei dem du als Polizist dabei warst, bin ich skeptisch. Du hast es gemeldet, doch hätte das auch zu der Verhaftung der beiden Gauner Christian und Thomas führen sollen.“
Nachdem die beiden noch eine Weile diskutiert hatten, ging Robert endlich nach Hause. Nach vier Monaten konnte er nun wieder ein normales Leben führen.

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