Mit sechzig fängt das Leben an


Ich stürmte in unsere Elektrowerkstatt. Eine der Maschinen für die Produktion war ausgefallen. Ich konnte das Problem allein nicht lösen, brauchte die Hilfe eines Kollegen.


Verduzt blieb ich in der Tür stehen: Die Werkstatt war festlich hergerichtet. Die Computer waren so weit wie möglich weggeschoben worden, kein einziges Messinstrument auf den Tischen zu sehen. Stattdessen türmten sich Platten mit belegten Brötchen, Bier, Sekt und Wein stand bereit.
„Mario, ich brauche dich.“
„Was ist denn?“, knurrte der angesprochene Kollege.
„Die große Drehmaschine ist ausgefallen.“
Wortlos ging unser Vorarbeiter ans Telefon. Als er aufgelegt hatte, verkündete er: „Dieses Problem hat bis morgen Zeit.“
Der Raum füllte sich, immer mehr Arbeiter aus allen Teilen der Werkhallen drängten herein. Irgendwie war auch unser Personalchef aufgetaucht. Zielstrebig ging er auf Walter Neumeister, ein kleiner, drahtiger, grauhaariger Mann, zu, streckte ihm die Hand entgegen und ließ eine Rede vom Stapel, der, wie gewöhnlich, keiner zuhörte. Man wusste, ab morgen würde Walter nicht mehr da sein, es war der Vortag zu seinem Rentnerdasein.
Viele gratulierten Walter für den neuen Lebensabschnitt.
„Es ist sicher ein gutes Gefühl, endlich hier rauszukommen“, sagte jemand. Walter nickte nur.
Alte Storys wurden ausgegraben. „Weißt du noch, als damals die ganze Halle im Dunkeln lag, weil du in der Schaltanlage ausgerutscht bist, deshalb einen Kurzschluss verursacht hast? Die Einzigen, die weiterarbeiten konnten, waren die Gabelstaplerfahrer, die hatten Licht an ihren Fahrzeugen.“ Großes Gelächter erschallte, dann hob ein anderer an, um eine effektvolle Geschichte aus vergangenen Tagen zum Besten zu geben.

 

Der nächste Arbeitstag wurde einsam. Da Walter auf der gleichen Etage, wie ich wohnte, gingen wir gewöhnlich zusammen zur Arbeit. Doch diesmal tat sich die Tür der Nachbarwohnung nicht auf.
Ein seltsames Gefühl. Da war niemand, der altmodische Sprüche klopfte, oder die kleinen blauen Männlein suchte (er meinte damit die Elektronen), die ausgewandert waren, sonst würde die Maschine noch funktionieren.


Vor vielen Jahren war Walter mein Mentor, er brachte mir im damals frisch erlernten Beruf mehr bei, als mein Lehrmeister vor ihm. So ist es sicherlich verständlich, dass mir an diesem Tag etwas fehlte.

 

Irgendwann kam ich geschafft zu Hause an. Es dauerte nicht lange, bis die Klingel einen Besucher ankündigte. Ich sah auf die Uhr, fluchte vor mich hin, schließlich wollte ich in einer Stunde die wöchentliche Kneipenrunde nicht verpassen. Ich war ganz erstaunt, Walter vor der Tür zu erblicken. „Ich hörte dich kommen, da können wir auch gleich gehen.“ Ich sah in belustigt an.
„Du hältst es wohl schon jetzt nicht mehr zu Hause aus?“

 

Es wurde ein schöner Abend. Wie jede Woche sprachen wir über Gott und die Welt, machten uns über alles lustig, was uns einfiel. Doch in den Momenten, in denen das Gespräch auf Walters Rentnerdasein zulief, verschloss er sich. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Nur einmal sagte er: „Fünfundvierzig Jahre arbeitete ich in dieser Firma.“ Wortlos stellte ich ihm ein neues Bier vor die Nase. Das Glas war ziemlich schnell leer.

 

Vierzehn Tage sah ich Walter nicht. Es war Hochsommer und er hatte sicher viel im Garten zu tun.
An diesem Abend trafen wir uns wieder für eine unserer Kneipentouren. Walters Frau schien zwar nicht einverstanden, ließ uns aber ziehen. Er sah gut aus, richtig erholt.
„Die zwei Wochen waren wie ein Jahresurlaub, nur eben zu Hause“, meinte Walter. Ich sagte nichts. Ich konnte mich nicht an ein Jahr erinnern, indem er seinen Jahresurlaub zu Hause verbracht hatte.

Unsere Stammkneipe schien etwas verändert. Wir rätselten lange, was es sein könnte, der Wirt wollte es uns nicht sagen.
Walter war heute etwas gesprächiger, was sein neues Leben anging. „Nun gehöre ich zum alten Eisen. Weißt du, irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt. Ich kann nicht einmal einen Fernsehfilm bis zum Ende anschauen, ich brauche immer etwas zu tun. Und nun? Es ist nicht gerade ein arbeitsvolles Leben, als Rentner.“
Irgend so etwas hatte ich mir gedacht. Es war einfach nicht Walters Art, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Er hatte für seinen Beruf gelebt.
„Am besten wird es sein, wenn du erst einmal in den Urlaub fährst, wie du es jedes Jahr tust“, schlug ich vor. Er sah mich seltsam an, sagte nichts.

Zwei Tage später saßen wir am selben Fleck. Walter sagte, er müsse aus der Wohnung, ihm würde das Dach auf den Kopf fallen.
„Vielleicht solltest du dir einen kleinen Nebenjob suchen. So leben viele Rentner heutzutage.“
Walter sah mich erschrocken durch die Blume seines Bieres an. „Das kommt überhaupt nicht in Frage. Es geht mir nicht um das Geld. Und außerdem: Hast du dir schon einmal überlegt, wie viel Arbeitslose es hier in der Gegend gibt? Die brauchen bestimmt eher so einen Job. Ich kann alte Leute, die den Jungen die Arbeitsplätze rauben, noch dazu in der heutigen wirtschaftlichen Lage, überhaupt nicht verstehen."
Das saß. Und war sehr deutlich. Beschäftigte sich Walter neuerdings mit Politik? Früher wusste er kaum, was in der Zeitung stand.

 

Am nächsten Tag erschien Walter in den heiligen Hallen unserer Firma, als Besucher. Er unterhielt sich mit diesem und jenem Kollegen, erzählte, wie gut es ihm jetzt gehe.
Als er mich traf, sagte er: „Ich habe mir deinen Vorschlag reichlich durch den Kopf gehen lassen. Ich werde die nächsten zwei Wochen erst einmal in den Urlaub fahren.“
„Prima.“ Ich klopfte ihm auf die Schulter. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Sollte Walters Verfassung endlich besser werden? „Wo soll es denn hingehen?“
„Nach Spanien. Salamanca heißt die Stadt, soll sehenswert sein.“
„Na dann, viel Spaß!“

 

Die nächsten Wochen verliefen ruhig. Walter kam nach der genannten Zeit braungebrannt zurück. Wir unterhielten uns im Treppenhaus, der Urlaub hatte ihm gut getan. Immer öfter traf man ihn im Keller an, wo er an einer Modelleisenbahnanlage herumbastelte.

 

Doch kaum war es soweit, dass an der Modellanlage nichts Außergewöhnliches mehr zu bewerkstelligen war, saßen wir wieder jeden zweiten Tag in unserer Stammkneipe.
So konnte das nicht weiter gehen!

Ich grübelte in so mancher schlaflosen Nacht darüber nach, wie ich meinem Nachbarn helfen konnte, aber so, dass er es auch akzeptierte. Seine Meinung zu Rentnern, die, wie er sagte, Arbeitsplätze wegnahmen, hatte er ja sehr deutlich zum Ausdruck gebracht.
Also, was war zu tun?

Ich entschloss mich, den Bürgermeister unserer kleinen Gemeinde um Rat zu fragen.
Er hatte da so einige Ideen, diese mussten aber erst organisiert werden. Natürlich so, dass Walter erst einmal nichts mitbekam.

 

Irgendwann saßen wir wieder in der Kneipe und zogen alles ins Lächerliche. Mittlerweile hatten wir herausgefunden, dass es der Tresen war, der neu im Schankraum stand. Auch wenn er genauso aussah, wie der Alte. „Wie habt ihr das Ding hier reingebracht? Sieht ja aus, wie aus einem Stück!“
Plötzlich bekamen wir Gesellschaft. Der Bürgermeister und der Vorsitzende des örtlichen Sportklubs setzten sich zu uns.
Walter sah die beiden an: „Was ist denn nun los?“, wollte er wissen. Der Bürgermeister nahm einen tiefen Schluck, bevor er anfing zu sprechen. „Walter, ich habe ein Angebot für dich. Dein Freund Robert“, er zeigte auf mich, „kam zu mir, weil er sich Sorgen um dich macht.“ Walter sah mich strafend an. Ich senkte den Blick. Der Bürgermeister strich über seinen dicken Bauch, bestellte ein neues Bier und erzählte: „Ich dachte, man sollte dir eine ehrenamtliche Tätigkeit im Ort zukommen lassen. Du möchtest niemandem eine Arbeit wegnehmen, hörte ich. Es gibt im Ort so viel zu organisieren, was uns bisher schwer fiel, da wir nicht das nötige Kleingeld haben, um jemand dafür einzustellen.“
„Ich möchte nicht organisieren, ich möchte arbeiten.“, knurrte Walter. „Aber der Vorschlag hört sich nicht schlecht an.“, versicherte Walter schnell.
Jens, der Vorsitzende des Sportklubs hakte in das Gespräch ein: „Da gibt es solche Kleinigkeiten, wie zum Beispiel den Fußballrasen in Ordnung halten oder die Streifen auf der Langlaufstrecke nachziehen.“

 

Leise zog ich mich aus dem Gespräch zurück, setzte mich an den Tresen und unterhielt mich mit dem Wirt. Bei den Verhandlungen um die Zukunft eines Rentners, der das Arbeiten nicht lassen konnte, brauchte ich nicht anwesend zu sein.

 

Walter blühte auf. Jeden Morgen lief er seine Runde durch das Dorf, half mal da, mal dort aus, mähte im Sommer den Rasen der Fußballer, streute im Winter, wo es notwendig war. Er wurde zum guten Geist unseres Ortes.
Bei einem unserer wöchentlichen Kneipenrunde sagte
er: „Endlich habe ich wieder das Gefühl, gebraucht zu werden.“

 

 

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