Risiken und Nebenwirkungen
Nun stand ich hier. Der Wissenschaftler hinter dem Schreibtisch stellte sich als Professor Dannemann vor. Nachdem ich den Befragungsbogen ausgefüllt und unterschrieben hatte, warf er einen Blick auf das Papier.
„Sie sind Christoph Keller?“ Er wartete nicht auf eine Antwort. „Ich gebe Ihnen zweihundert Euro, wenn Sie diese Flüssigkeit zu sich nehmen. Es ist eine Schluckimpfung.“
Da ich schon lange keine zweihundert Euro mehr in der Hand hatte, weil ich seit Monaten total ausgebrannt bin, griff ich nach dem Medikament, schluckte es, ohne mit der Wimper zu zucken.
Plötzlich wurde mir schlecht. Ich registrierte, dass der Wissenschaftler neben mir stand und mich begutachtete. Auch der uniformierte Herr hinter mir war noch immer da. Er war wahrscheinlich zum
persönlichen Schutz des Professors angestellt worden. Ich glaube, ich saß wie ein Häuflein Elend auf dem Stuhl. Doch das verging bald.
Kaum fünf Minuten später fühlte ich mich wie neu geboren.
Der Professor gab mir das Geld und ich wollte gehen.
„Warten Sie.“ Ich zögerte, schaute Dannemann verwundert an.
„Sie sollten täglich hierher kommen. Schließlich muss ich wissen, wie das Präparat wirkt oder ob es überhaupt anschlägt.“
Ich erstarrte. „Wofür war das Mittel? Was soll es bewirken?“
Der Professor erklärte: „Es gelang mir, ein Mittel zu finden, dass den Menschen ein ewiges Leben verschafft.“
Tausende Gedanken gingen mir durch den Kopf. Bilder aus dem Fernsehen, in denen Untote arme Rentner erschreckten. „Das ist doch ein alter Hut! Das kann kein Menschheitstraum sein. Es würde die
Gesellschaft auf den Kopf stellen. Eine Zukunft, in der es zweihundert Jahre alte Menschen gibt. Einfach lächerlich!“
Der Professor schaute mich toternst an. Seine eisblauen Augen ließen mir einen Schauer über den Rücken laufen. Erst jetzt ging mir auf, was er da sagte: Ich würde ewig Leben, sollte das Elixier
so wirken, wie er sich das vorgestellt hatte. Begeistert war ich davon nicht gerade.
Am nächsten Tag ging ich seelenruhig durch das Gebäude der Universitätsklinik, das Labor von Professor Dannemann im Visier.
Er begrüßte mich freudig, holte gleich ein Gerät hervor, mit dem man den Blutdruck ermitteln kann. Er checkte mich vollkommen durch, schien zufrieden zu sein.
Als er fertig war, riss ich das Pflaster von meinem rechten Zeigefinger, sah dem Professor in die Augen und fragte: „Können Sie mir sagen, wieso diese kleine Schnittwunde nicht heilt? Kurz bevor
Sie mir gestern das Serum verabreichten, schnitt ich mich dummerweise an dem Rand einer Zeitung. Die Wunde sieht noch immer genauso frisch aus.“
„Sie scheinen eine empfindliche Haut zu haben.“ Der Professor wollte wohl scherzen. „Das liegt daran, dass sie seit dem Zeitpunkt, in dem sie gestern zusammensackten, das Serum anschlug, keine
einzige Sekunde altern. Ihnen wird nicht einmal ein Barthaar wachsen, brauchen sich nie wieder rasieren.“
„Mit anderen Worten, das Pflaster wird in einhundert Jahren noch immer da sein?“
„Das Pflaster wohl nicht, aber die Wunde. Und sie wird aussehen wie heute. Das ist, wenn Sie so wollen, ein ungewollter Nebeneffekt.“
Auf dem Weg nach Hause war ich so in Gedanken versunken, dass ich die Fußgängerampel mit dem Rotsignal übersah. Plötzlich quietschte es neben mir, ein Autofahrer fluchte lauthals.
Sollte der Professor recht haben, werde ich mich nie ändern, nie graue Haare bekommen. Da hatte ich eine Idee.
Kaum zu Hause angelangt begann ich, meinen Schnauzer abzurasieren. Von da an schaute ich jede Stunde in den Spiegel. Nichts geschah. Ich hegte die wage Hoffnung, das Serum könnte nicht
angeschlagen haben.
Die folgende Nacht war grauenvoll. Ein Albtraum jagte den nächsten. Ich sah mich, noch immer aussehend, als sei ich fünfundzwanzig Jahre alt, doch hatten meine Kinder dasselbe Alter. Sie holten
mich ein, wurden irgendwann grau. Ich bekam mit, wie sie an Altersschwäche starben. Es gab keinen meiner Freunde mehr, ich war allein. Die Zukunft war so automatisiert, dass ich nicht einmal mehr
ein Sandwich bestellen konnte, ohne vorher die Gebrauchsanleitung des Roboters zu lesen.
Plötzlich schreckte ich auf. Ich gab ich es auf, schlafen zu wollen, tappte ins Badezimmer. Das grelle Licht blendete die ersten Sekunden, dann sah ich: Mein Schnauzer war wieder da. In voller
Pracht, genauso, als sei er schon fünfzehn Jahre lang da.
Als ich an diesem Tag das Labor betrat, Dannemanns Leibwächter hielt sich hinter der Tür auf, baute ich mich drohend im Raum auf und sagte: „Herr Professor, ich verlange ein Gegenmittel.“
„Warum? Gefällt Ihnen die Aussicht auf ein ewiges Leben nicht?“
„Das ist kein Leben, in dem man stillsteht, keine Sekunde älter wird. Das wirkliche Leben existiert nur um einen herum. Haben auch Sie das Mittel eingenommen?“
„Beruhigen Sie sich, Herr Keller. Es gibt ein Gegenmittel. Es wird in diesem Safe, dort an der Wand verwahrt. Aber ich werde es Ihnen noch nicht geben. Meine Forschungen sind noch nicht
abgeschlossen. Keller, Sie sind für mich bares Geld wert. Ohne Sie bleibt die ganze Entwicklung in den Kinderschuhen stecken.“
Ich schritt durch das Labor, begutachtete all diese Reagenzgläser, chemische Stoffe, die hier wahllos verstreut herumstanden. Plötzlich hatte ich die Idee. Niemandem sollte es so ergehen wie mir.
‚Ewiges Leben, pah!’, dachte ich und wischte einige Reagenzgläser und Apparaturen vom Tisch, alles zerbrach. Der Professor kreischte auf: „Was tun Sie da? Sind Sie verrückt?“
Der Uniformierte zog eine Waffe, hielt sie wortlos auf mich gerichtet. Noch einmal schleuderte ich einiges Material zu Boden. Der Leibwächter drückte ab. Die Kugel peitschte durch den Raum, der
Professor beobachtete das Geschehen fassungslos. Ihm blieben die Worte im Hals stecken. Ich spürte einen brennenden Schmerz in der Herzgegend. Verflucht, er hatte mich getroffen!
Ich fühlte mich aber nicht schwächer. Wortlos ging ich auf den Uniformierten zu, schlug ihn nieder und nahm die Waffe an mich. Da der Professor mich angreifen wollte, schoss ich ihm ins Bein. So
konnte er mir nicht in die Quere kommen und doch meine Rache mit ansehen.
Schnell verriegelte ich die Tür. Es waren einige Leute zusammengelaufen und wollten wissen, was hier los war.
Ich verwüstete und zerstörte das ganze Labor. Den Schlüssel für den Safe gab mir der Professor, nachdem ich die Waffe auf ihn richtete. Er hatte Angst, Todesangst. Der Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht. Als der Safe geöffnet war, erschoss ich Dannemann kaltblütig. Jetzt würde er keine wahnsinnigen Ideen mehr produzieren können. Hoffentlich war damit der Gedanke des ewigen Lebens ausgelöscht.
Ich nahm das Gegenmittel ein. In dem Moment erwachte der Uniformierte, schaute sich um. Der Tumult vor der Tür verstärkte sich, es würde nicht mehr lange dauern, bis die Meute hereinstürmt.
Plötzlich tat mir alles weh. Die Kugel in meiner Brust hatte scheinbar irgendetwas zerfetzt. Nun wusste ich, dass der Spuk vorbei war. Mit einem Lächeln auf den Lippen starb ich in dem Moment,
als die Tür aufflog.
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Kommentare: 2
Lila Weisz (Dienstag, 15 März 2011 14:22)
Hallo Andreas!
Der Text ist noch besser als der andere. Er hält, was der Titel verspricht. Tolles Thema & schön umgesetzt! *Daumen hoch*
Liebe Grüße,
Lila
Diana (Montag, 19 September 2011 23:39)
Hallo!
Schöner Schreibstil. Klar, deutlich, kurz. Aber deiner Geschichte fehlt es am Dahinter. Wir erfahren überhaupt nicht, warum dein Prota handelt, wie er handelt. Warum denkt er, ewiges Leben ist grauenvoll? Warum tickt er vollkommen aus? Das alles fehlt. Gerade ein Ich-Erzähler grübelt, fühlt und denkt mehr nach. Schade, hätte gerne mehr über die Hintergründe deines Protas gewusst, denn die Geschichte hat auf jeden Fall Potential.